Die Arzneipflanzen Meerrettich und Kapuzinerkresse enthalten nach derzeitigen Erkenntnissen Isothiocyanate als wirksamkeitsbestimmende Bestandteile. Die aus diesen Pflanzen isolierten Isothiocyanate sind in verschiedenen Studien untersucht worden und zeigen schon in geringer Menge eine ausgeprägte antimikrobielle Wirkung. [8] [9] Pharmazeutisch werden die Arzneidrogen Kapuzinerkressenkraut (Tropaeoli majoris herba) und Meerrettichwurzel (Armoraciae rusticanae radix) verwendet. 

Abb. 7: Meerrettichwurzel (Armoraciae rusticanae)

Abb.: 8: Kapuzinerkresse (Tropaeoli majoris herba)

Tab. 4: Glucosinolate und aktive Isothiocyanate, die in Meerrettichwurzel und Kapuzinerkressenkraut enthalten sind [14]

2.3.3.1 Wirkmechanismus

Studien belegen, dass Isothiocyanate, wie z. B. Benzylisothiocyanate, sowohl eine bakteriostatische als auch eine bakterizide Wirkung aufweisen. Die bakteriostatische Wirkung beruht auf einer Reaktion der Isothiocyanate mit Sulfhydrylgruppen von Proteinen (Enzymen), die für den Zellstoffwechsel von Bakterien relevant sind. Auch der Virenstoffwechsel wird durch Benzylsenföl beeinträchtigt, ebenso wie die Virussynthese. Die Hemmung der Biofilm-Produktion gelingt durch Störung des bakteriellen Kommunikationssystems QS. Die in Kapuzinerkresse und Meerrettich enthaltenen Isothiocyanate üben somit einen hemmenden Effekt auf das QS aus. [16] Die antiinflammatorische Wirkung wird laut den aktuellsten Studien auf die duale Hemmung des 5-LOX- und COX-Signalpfades durch die Benzylisothiocyanate zurückgeführt. [8] [9] [17]

In vitro wurde darüber hinaus eine antimykotische Wirkung für Benzylsenföl gezeigt, die wie bei Bakterien auf der Reaktion von Isothiocyanaten mit Sulfhydrylgruppen von Proteinen beruht.

2.3.3.2 Wirkspektrum

Für die in Meerrettichwurzel enthaltenen Isothiocyanate Allylsenföl und 2-Phenylethylsenföl sowie das in Kapuzinerkressenkraut enthaltene Benzylsenföl konnte in verschiedenen Studien ein breites antimikrobielles Wirkspektrum nachgewiesen werden. Dabei zeigten sich sogar resistente Keime, z. B. MRSA und resistente Formen von E. coli, sensitiv gegenüber Senfölen. [8] [9] [11] [18] [19]

*Hinweis: Ausgeprägte Wirkung gegen Pseudomonas aeruginosa in der Studie nur bei kombinierter Gabe von Meerrettichwurzel und Kapuzinerkressenkraut geprüft

Tab. 5: Wirkspektrum von in Meerrettichwurzel und Kapuzinerkressenkraut enthaltenen Senfölen [8] [9] [11] [16] [18] [19] [20]

Die Studienergebnisse zeigen, dass die Kombination aus Meerrettichwurzel und Kapuzinerkresse bei der Behandlung von Harnwegsinfekten sinnvoll ist. Ein entsprechendes Arzneimittel, das 80 mg Meerrettichwurzel und 200 mg Kapuzinerkressenkraut als arzneilich wirksame Bestandteile enthält, ist in Deutschland verfügbar. Es wird entsprechend diesem breiten Wirkspektrum bei unkomplizierten Infekten sowie akuten entzündlichen Erkrankungen der Bronchien, Nebenhöhlen und ableitenden Harnwege eingesetzt. 

2.3.3.3 Studien zur klinischen Wirksamkeit

Die antimikrobielle Wirksamkeit von Senfölen ist schon seit langem bekannt und wird seit Jahrhunderten zur Infektionsbekämpfung eingesetzt. Die Wirksamkeit und Verträglichkeit der kombinierten Gabe von Meerrettichwurzel und Kapuzinerkressenkraut bei unkomplizierten Infekten ist mittlerweile durch verschiedene Studien belegt. Aufgrund eines multimodalen Wirkmechanismus sind Resistenzentwicklungen bisher noch nicht verzeichnet und sind auch nicht zu erwarten. Im Gegenteil, die Kombination von Senfölen aus Meerrettich und Kapuzinerkresse führt zu einem erweiterten Wirkspektrum, das sogar „Problemkeime“ wie P. aeruginosa oder multiresistente Erreger einschließt. [8] [10]

In zwei prospektiven Kohortenstudien wurde die o. g. Pflanzenkombination mit Standardtherapeutika (Antibiotika) verglichen. Im Jahr 2006 wurde eine Studie in 251 Arztpraxen (Allgemeinärzte, Internisten, Urologen) mit insgesamt 1649 Patienten (> 4 Jahre, unkomplizierte Harnwegsinfektion) durchgeführt. Die Prüfgruppe (n = 1223) erhielt das Pflanzenarzneimittel mit den arzneilich wirksamen Bestandteilen Meerrettichwurzel und Kapuzinerkressenkraut während die Kontrollgruppe (n = 426) mit einem Standard-Antibiotikum behandelt wurde. Vor und nach der Therapie wurde das Beschwerdebild anhand einer standardisierten Symptombewertung (Symptomscore) dokumentiert. Zudem erfasste der Arzt den Krankheitsverlauf, die Patientenzufriedenheit und die Wirksamkeit der Therapie. Bei Harnwegsinfekten (n = 479) konnte der Beschwerdegrad mittels Pflanzenarzneimittel bei acht Tagen Therapiedauer im Mittel um 81,2 % reduziert werden. Bei Erhalt der Antibiotikatherapie lag die mittlere Reduktion des Beschwerdegrads bei 87,9 %. Die Nebenwirkungsrate lag hingegen in der Prüfgruppe signifikant unter der der Kontrollgruppe (1, 5 % vs. 6,8 %, p < 0,001). [13]

Eine weitere prospektive Kohortenstudie aus dem Jahr 2007 untersuchte die klinische Wirksamkeit von Meerrettichwurzel/Kapuzinerkressenkraut im Vergleich zu Antibiotika oder anderen Medikamenten bei Kindern > 4 Jahre und Jugendlichen (< 18 Jahre) mit einer akuten Sinusitis, Bronchitis oder Harnblasenentzündung. In die Studie wurden jeweils 21 bzw. 22 Arztpraxen mit je 271–297 Patienten eingeschlossen. Zusammenfassend konnte gezeigt werden, dass Kinder in den genannten Indikationen von einer Behandlung mit dem Pflanzenarzneimittel ebenso profitieren wie von einer Behandlung mit Antibiotika. Bei Patienten mit akuter Bronchitis oder akutem Harnwegsinfekt wurde das pflanzliche Präparat signifikant besser vertragen. [22] Die Wirksamkeit von Meerrettichwurzel/Kapuzinerkressenkraut in der Behandlung von akuten rezidivierenden Harnwegsinfekten gegenüber Placebo wurde in einer weiteren randomisierten Doppelblindstudie untersucht (s. u.).