Harnwegsinfekte werden häufig durch gramnegative Bakterien (selten grampositive Bakterien, Pilze, Viren) verursacht. Bei Harnwegsinfektionen handelt es sich in der Regel um aszendierende (= aufsteigende) Infektionen. Die Bakterien gelangen z. B. durch eine Schmierinfektion zur äußeren Harnröhrenöffnung und wandern die Harnröhre hinauf bis in die Harnblase. Das Gewebe, das die Harnwege auskleidet, reagiert auf die Infektion mit Entzündung. Wegen der deutlich kürzeren Harnröhre sind Frauen häufiger betroffen als Männer. 

1.4.1 Klassifikation von Harnwegsinfekten

Harnwegsinfekte können anatomisch in obere und untere Harnweginfekte eingeteilt werden.

1.4.2 Infektionen der unteren Harnwege (Zystits)

Unter Zystitis versteht man eine Entzündung der Blasenschleimhaut, in schweren Fällen auch der ganzen Blasenwand. Sie wird überwiegend durch gramnegative Stäbchen (Escherichia coli) verursacht, in seltenen Fällen auch durch grampositive Kokken, Mykoplasmen, Ureaplasmen, Hefen, Chlamydien, Viren und durch chemische oder mechanische Reize (Katheter, Geschlechtsverkehr, Zytostatika, Strahlentherapie). [2]

Typische Symptome einer Zystitis:
  • Dysurie/Algurie = schmerzhafte Miktion
  • Pollakisurie = häufige Miktion
  • imperativer Harndrang = Harndrang bei unphysiologisch niedriger Blasenfüllung
  • Schmerzen oberhalb der Symphyse
  • Tenesmen = Blasenkrampf, dauerhafter Blasenschmerz

Differentialdiagnosen sind z. B. Entzündungen der Scheide, Urethritis, genitale Infektionen und bei Männern Prostatitis. [2]

1.4.3 Infektionen der oberen Harnwege (Pyelonephritis)

Die Pyelonephritis wird auch als Nierenbeckenentzündung bezeichnet und ist eine bakterielle Entzündung des Niereninterstitiums und Nierenbeckenkelchsystems. Erreger sind v. a. Enterobacteriaceae, Pseudomonas, Enterokokken, Staphylokokken. Frauen sind 2- bis 3-mal häufiger betroffen als Männer. [2]

Typische Symptome einer Pyelonephritis:
  • Flankenschmerz
  • klopfschmerzhaftes Nierenlager
  • Fieber > 38° C (evtl. Schüttelfrost)
  • Dysurie
  • Pollakisurie
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Abgeschlagenheit und Durstgefühl

Neben der Einteilung nach anatomischen Kriterien hat sich die Einteilung nach klinischen Kriterien bewährt. Letztere wird auch in aktuellen Leitlinien verwendet.

1.4.4 Unkomplizierte Harnwegsinfekte

Harnwegsinfekte werden als unkompliziert eingestuft, wenn es sich um Infektionen bei Patienten ohne relevante funktionelle oder anatomische Anomalien, Nierenfunktionsstörungen oder Begleiterkrankungen handelt. Unkomplizierte Harnwegsinfekte können isoliert oder rezidivierend auftreten. [3]

Tab. 1: Risikofaktoren für unkomplizierte Harnwegsinfekte bei Frauen [4]

1.4.5 Komplizierte Harnwegsinfekte

Als kompliziert werden Harnwegsinfekte bei Patienten mit besonderen Risikofaktoren für einen schweren Verlauf oder Folgeschäden (z. B. Kinder, Schwangere, Männer oder immunsupprimierte Patienten) eingestuft. [3]

Risikofaktoren für einen komplizierten Verlauf:
  • Schwangerschaft
  • funktionelle Veränderungen, z. B. Niereninsuffizienz oder Blasenentleerungsstörungen
  • anatomische Veränderungen, z. B. Nierensteine, Prostatavergrößerung oder Harnblasentumore
  • Störungen der Immunität, z. B. bei Diabetes mellitus, Leberinsuffizienz oder HIV
  • Fremdkörper, z. B. Harnblasenkatheter

1.4.6 Asymptomatische Bakteriurie

Als asymptomatische Bakteriurie wird die symptomlose Ausscheidung von Bakterien mit dem Urin bezeichnet. Eine antibiotische Behandlung wird nur in Ausnahmefällen, z. B. bei Schwangeren oder vor operativen Eingriffen, empfohlen. [3] [5]

1.4.7 Rezidivierende Harnwegsinfekte

Als rezidivierend werden Harnwegsinfekte bezeichnet, wenn sie mehr als dreimal pro Jahr auftreten oder mindestens zweimal innerhalb der letzten sechs Monate aufgetreten sind. Es handelt sich in der Regel um unkomplizierte Infekte. Nach dem ersten Harnwegsinfekt erleiden 20–36 % betroffener junger Frauen innerhalb eines Jahres ein Rezidiv. [3]

1.4.8 Harnwegsinfektionen in der Schwangerschaft

Harnwegsinfektionen und asymptomatische Bakteriurien treten häufig in der Schwangerschaft auf, da sich Nieren und Harntrakt anatomisch und physiologisch verändern. Während der Schwangerschaft sind die Nierendurchblutung und die GFR um 30–40 % erhöht. Dadurch sinkt die Konzentration infektionshemmender Substanzen im Urin. Zudem könnten der geringere urethrale Tonus und die Harnleitererweiterung im oberen Bereich die Erregeraszension (= Aufsteigen von Erregern) begünstigen. Hinzu kommt die geänderte immunologische Situation der Schwangeren.

Wegen der Gefahr einer Erregeraszension wird derzeit eine antibiotische Therapie bei Schwangeren mit asymptomatischer Bakteriurie und unkomplizierten Harnwegsinfekten empfohlen. [3]