1.3 Pathogene Mechanismen

1.3.1 Gestörte Hautbarriere und Entzündungsreaktionen3,4

Neurodermitis ist eine sehr komplexe Erkrankung, zu deren Entstehung mehrere Faktoren beitragen. Nach heutigem Verständnis steht am Beginn eine genetisch bedingte Störung der Barrierefunktion der Haut. Durch einen genetischen Defekt fehlen der von Neurodermitis betroffenen Haut wichtige Bausteine. Vor allem der Mangel an Filaggrin, einem für die Vernetzung des Hautkeratins wichtigen Eiweiß, und an Ceramiden, wichtigen Lipiden der Haut, führen zu extremer Trockenheit, Reizungen und Entzündungen der Haut. Die gestörte Barrierefunktion führt dazu, dass Fremdstoffe wie etwa Allergene, Bakterien und Schadstoffe leichter in den Körper eindringen können.

Das Immunsystem wird dadurch verstärkt mit Substanzen (Antigenen) aus der Umwelt konfrontiert, beispielsweise mit Pollen, Tierhaaren oder dem Kot von Hausstaubmilben. Es folgt eine über die Immunzelltypen TH2 vermittelte Abwehrreaktion des Körpers. Die TH2-Zellen schütten bei Neurodermitikern übermäßige Mengen der entzündungs­fördernden Zytokine Interleukin(IL)-4 und IL-13 aus, wodurch die Integrität der Hautbarriere weiter verringert wird.

Abb. 2: Intakte Hautbarriere vs. gestörte Hautbarriere, Quelle: Broschüre „Neurodermitis verstehen“ (Sanofi Genzyme)

Es kommt zu Juckreiz und erhöhter Hautdurchlässigkeit, wodurch weitere Allergene noch leichter eindringen können. Zusätzlich wird die IgE-Produktion durch die beiden Interleukine angetrieben. In der chronischen Phase nimmt die Hyperplasie der Zellen zu. Die Entzündung weitet sich aus, es werden weitere TH2-, aber auch TH22-, TH1- und TH17-Zellen aktiviert. Typisch sind dann eine geringere Hydratation des Stratum corneum (Hornschicht), ein erhöhter transepidermaler Wasserverlust, ein erhöhter Haut-pH-Wert sowie ein verändertes Hautmikrobiom.

Neben der verminderten Barrierefunktion sind die bereits angesprochenen T-Zell-vermittelten Entzündungsreaktionen der Haut, die insbesondere durch Typ-2-Zytokine wie IL-4 und IL-13 angetrieben werden, ein weiterer zentraler Aspekt der Pathogenese. Eine Reihe von Studienergebnissen spricht dafür, dass bereits nicht-läsionale Haut bei Patienten mit atopischer Dermatitis eine Th2/Th22-dominierte subklinische Entzündung zeigt, die im Schub expandiert und die Barriere weiter schädigt. Bei einer chronischen Entzündung werden zusätzlich Th-1-Signalwege aktiviert.

Abb. 3: Pathogenese der atopischen Dermatitis, Quelle: www.atopische-dermatitis.info/die-rolle-von-il4

1.3.2 Übertriebene Hygiene

Für eine, wie oben beschriebene, Fehlfunktion des Immunsystems wird teilweise das in westlichen Industrienationen seit einigen Jahrzehnten übertriebene Hygieneverhalten verantwortlich gemacht. Nach der sogenannten „Hygiene-Hypothese“ leidet das Immunsystem in der keimarmen Umwelt westlicher Haushalte quasi an Beschäftigungsmangel, sodass schon bei Kontakt mit eigentlich harmlosen „Antigenen“ eine überschießende Reaktion erfolgt.