2.1 Therapie des (akuten) Durchfalls

Bei der Therapie des akuten Durchfalls stehen der Flüssigkeits- und Elektrolytersatz an erster Stelle. Das dem Durchfall geschuldete Flüssigkeitsdefizit ist durch eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mind. 2 l/d) auszugleichen. Begleitend kann eine möglichst fettarme und „stopfende“ Ernährung den gereizten Darm beruhigen. Spezielle Glucose-Elektrolyt-Trinklösungen werden eingesetzt, um dem Körper die durch den Durchfall verlorenen Elektrolyte wieder zuzuführen. Sowohl Glucose als auch Natriumionen werden aktiv aus dem Darmlumen in die Enterozyten aufgenommen. Deshalb führt die gleichzeitige Gabe zu einer allgemeinen Resorptionssteigerung, wodurch osmotisch bedingt auch mehr Wasser aufgenommen wird. In schweren Fällen müssen der Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich parenteral erfolgen. Fruchtsäfte, Leitungswasser und Limonaden sind ungeeignet, um Elektrolyte zu ersetzen.3

CAVE: Besonders bei Säuglingen, Kleinkindern und älteren Menschen kann der Flüssigkeitsverlust durch Diarrhö schnell lebensbedrohlich werden!

Antidiarrhoika

Bei einer stark erhöhten Stuhlfrequenz werden zusätzlich zu den Rehydratationsmaßnahmen antidiarrhoische Wirkstoffe zur symptomatischen Behandlung eingesetzt. Hierbei ist auf die spezifischen Kontraindikationen zu achten.

Racecadotril, ein Inhibitor der Enkephalinase, reduziert den Einstrom von Wasser und Elektrolyten in das Darmlumen, nimmt jedoch keinen direkten Einfluss auf die Motilität. Der Wirkstoff ist ein Prodrug, das im Gewebe aktiviert wird. In der aktiven Form (Thiorphan) hemmt der Wirkstoff das Enzym Enkephalinase und schützt selektiv endogene Enkephaline im Dünndarm vor Biotransformation. Dies verlängert den antisekretorischen Effekt der Enkephaline.

Erwachsene nehmen dreimal täglich 100 mg (max. 300 mg/Tag), Kinder über zwölf Jahre dreimal täglich 30 mg in Kombination mit einer oralen Rehydratationslösung. Racecadotril sollte in der Selbstmedikation nicht länger als drei Tage eingenommen werden. Zu den Kontraindikationen gehören Durchfälle, die mit Fieber und/oder blutigem oder schleimigem (eitrigem) Stuhl einhergehen (Hinweis auf invasive Bakterien, schwere Erkrankungen) und Durchfälle, die während oder nach der Einnahme von Antibiotika auftreten (pseudomembranöse Colitis). Chronische Durchfallerkrankungen dürfen nur nach ärztlicher Verordnung mit dem Arzneimittel behandelt werden.3

Loperamid ist ein Motilitätshemmer und wirkt agonistisch an peripheren Opiatrezeptoren. Dies führt zu einer verminderten Darmmotilität und Peristaltik sowie einem erhöhten Tonus des Darms. Darüber hinaus wirkt Loperamid antisekretorisch. Durch den Wirkstoff wird somit zum einen die Stuhlfrequenz reduziert und der Stuhl zum anderen verfestigt. Da der Tonus des Analsphinkters erhöht wird, vermindert sich zusätzlich der Stuhldrang.

Abb. 4: Strukturformel von Racecadotril, 1:1-Gemisch aus (R)- und (S)-Form

Abb. 5: Strukturformel von Loperamid

Erwachsene nehmen initial 4 mg, danach 2 mg nach jedem ungeformten Stuhl (max. 12 mg/Tag). Kinder über 12 Jahre nehmen initial 2 mg, danach 2 mg nach jedem ungeformten Stuhl (max. 8 mg/Tag). Ohne ärztliche Untersuchung sollte die Einnahme nicht länger als zwei Tage andauern. Loperamid darf nicht bei fiebrigen oder blutigen Durchfällen eingesetzt werden. Kontraindikationen wie pseudomembranöse Colitis, akuter Schub der Colitis ulcerosa, bakterielle Darmentzündungen und Erkrankungen, bei denen die Darmtätigkeit nicht inhibiert werden darf, sind unbedingt zu beachten.

Wechselwirkungen treten beispielsweise bei gleichzeitiger Einnahme von Chinidin, Verapamil, Doxepin und Ketoconazol auf. In diesem Zusammenhang besteht auch ein Missbrauchspotential, da Loperamid bei gleichzeitiger PGP-Hemmung zentralnervöse Wirkungen zeigt.3

Probiotika (Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus rhamnosus, Escherichia coli, Saccharomyces cerecisiae) werden bei Durchfall eingesetzt, um die physiologische Darmflora zu erhalten oder wieder aufzubauen. Die Hefe Saccharomyces boulardii hat außerdem toxinbindende Eigenschaften.

Der Einsatz von Probiotika ist zum Beispiel bei Reisediarrhö (auch zur Vorbeugung) und zur Prophylaxe antibiotikainduzierter Diarrhöen sinnvoll. Ein Nutzen konnte bei Kindern mit Rotavirus-Infektionen nachgewiesen werden.3

Vorsicht ist bei immunsupprimierten und schwer kranken Patienten geboten!

Eine Kombination aus Myrrhe, Kamillenblüten und Kaffeekohle wird traditionell zur unterstützenden Behandlung bei Magen-Darm-Störungen mit akutem unspezifischem Durchfall, krampfartigen Schmerzzuständen und Blähungen eingesetzt. Die Pflanzenextrakte zeigen synergistische Effekte. Es werden unter anderem spasmolytische, antiinflammatorische, Darmbarriere stabilisierende und adsorbierende Wirkungen beschrieben. Die aktuelle Studienlage und neue Erkenntnisse zur Kombination dieser pflanzlichen Stoffe werden in Kapitel 2.4 erläutert.

Zucker und Zuckeralkohole (Lactose, Lactulose)* senken den pH-Wert im Darm, da sie von Bakterien im Dickdarm zu Säuren zersetzt werden. Dadurch wird die physiologische Darmflora unterstützt.

Gerbstoffe* (zum Beispiel Tanninalbuminat, Extrakte aus Eichenrinde, Heidelbeeren, Brombeerblättern) besitzen eine schleimhautabdichtende Wirkung bei Durchfällen. Eichenrindenextrakt wirkt zudem adstringierend und virustatisch.

Abb. 6: Saccharomyces (Zuckerhefen), © Dmitry Knorre – stock.adobe.com

Abb. 7: Strukturformel von Gallotannin, z. B. in Eichenrinde

Adsorbenzien* (zum Beispiel medizinische Kohle (Carbo medicinalis), Pektin) binden Toxine an ihrer großen Oberfläche. Da Adsorbenzien auch andere Arzneistoffe binden können, ist ein Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden einzuhalten. Bei akutem Durchfall wird drei- bis viermal täglich 1 g Carbo medicinalis eingenommen. Während der Behandlung färbt sich der Stuhl schwarz.

Quellstoffe* (z. B. Flohsamenschalen) binden zusätzlich Wasser, verbessern dadurch die Stuhlkonsistenz und verlängern die Passagezeit. Um einen Darmverschluss zu vermeiden, ist während der Behandlung auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. In Studien zeigten Flohsamenschalen bei CED-Patienten einen positiven Effekt auf den Remissionserhalt.

Cardenolid-Glykoside* in Uzarawurzel führen zu einer Relaxation der glatten Muskeln des Magen-Darm- Trakts, der ableitenden Harnwege und des Uterus. Bei Durchfall führt die Reduktion der Peristaltik zu einer verminderten Stuhlfrequenz. Kontraindikationen sind zu beachten (z. B. gleichzeitige Einnahme von herzwirksamen Glykosiden).

Abb. 8: Flohsamen (Psylli semen), © Heike Rau

Ethacridin*, ein Antiseptikum, soll bei Durchfall eine schleimhautabdichtende Wirkung zeigen. Es besteht ein Risiko für Kontaktallergien und Schleimhautschäden bei Überdosierung.

Mit der oralen Zufuhr von Zink können akute Durchfälle, denen ein Zinkmangel zugrunde liegt, behandelt bzw. es kann ihnen vorgebeugt werden. Dies ist vor allem in Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung von Bedeutung.3

*Zu diesen Therapiemöglichkeiten liegen keine aussagekräftigen klinischen Studien zur Wirksamkeit bei akuten Durchfällen vor.