1.2 Chronischer Durchfall als Symptom chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen

Die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehen aufgrund der gestörten Schleimhautpermeabilität häufig mit chronischem bzw. rezidivierendem Durchfall einher. Beide Erkrankungen verlaufen in der Regel schubweise.4,5 Die Inzidenz (= Häufigkeit der Neuerkrankungen) beträgt in Deutschland bei Morbus Crohn ca. 6,6 Fälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr8 und bei Colitis ulcerosa ca. 3–3,9 Fälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr.9,10

1.2.1 Ätiologie der CED

Die Ätiologie der CED ist noch weitestgehend ungeklärt. Eine Rolle scheinen jedoch die genetische Disposition, der Einfluss von Umweltfaktoren und die pathologische Aktivierung des Mukosa-assoziierten Immunsystems (MALT) zu spielen. Bei Colitis ulcerosa werden zudem psychische Faktoren als auslösend diskutiert. Sowohl Colitis ulcerosa als auch Morbus Crohn sind durch eine gestörte Zytokinregulation in der Darmwand gekennzeichnet.

Etwa die Hälfte der Patienten, die an Morbus Crohn erkrankt sind, weisen Mutationen am NOD2-Gen auf. Dieses codiert für einen intrazellulären Rezeptor, der Bakterien unschädlich macht. Mutationen in diesem Gen können dazu führen, dass das intestinale Immunsystem die Toleranz gegenüber den Bakterien der physiologischen Darmflora verliert. Darüber hinaus wird bei den Erkrankten eine verminderte Produktion von Defensinen (antimikrobiell wirksamen Peptiden) im Kolon beobachtet, sodass der Schutz vor Mikroorganismen im Kolon verringert ist.4

Abb. 3: Vereinfachte pathophysiologische Vorstellung der Aktivierung des intestinalen Immunsystems bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen; TZR = T-Zell-Rezeptor, IL = Interleukin, TNF-alpha = Tumornekrosefaktor alpha, IFN-gamma = Interferon-gamma, nach Mutschler Arzneimittelwirkungen, 2013 4

1.2.2 Mechanismen der gestörten Zytokinregulation

Bakterielle Antigene, die die intestinale Barriere überwinden, werden in der Lamina propria von Antigen-präsentierenden Zellen wie Makrophagen oder dendritischen Zellen präsentiert. Bei Morbus Crohn kommt es dadurch vor allem zur Proliferation von TH1-Helferzellen und einer dadurch bedingten INF-γ- und TNF-α-Produktion. Bei Colitis ulcerosa wird die Immunantwort hingegen hauptsächlich durch TH2-Helferzellen vermittelt. Dadurch werden vermehrt Interleukine (z. B. IL-13, IL-5) produziert.

  • Durch die freigesetzten Zytokine werden weitere immunkompetente Zellen aktiviert, die wiederum Zytokine freisetzen (z. B. Interleukine, TNF-α). Dies hat zur Folge, dass noch mehr Immunzellen aus den Blutgefäßen in das Gewebe einwandern.
  • Durch die Entzündungsreaktion werden die intestinalen Epithelzellen zerstört und schließlich auch das Gewebe, was sich in Erosionen, Nekrosen und Ulzerationen zeigt.4

1.2.3 Morbus Crohn und Colitis ulcerosa im Vergleich

Tab. 2: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa im Vergleich4,5,8,11