1.1 Ursachen der Diarrhö

Durchfall kann die unterschiedlichsten Ursachen haben: Das Spektrum reicht von Infektionen, Stress und Nahrungsmittelunverträglichkeiten bis hin zu chronischen und schwerwiegenden Erkrankungen wie Reizdarm, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, exokriner Pankreasinsuffizienz oder Karzinomen. Darüber hinaus kann auch die Einnahme bestimmter Medikamente den Durchfall verursachen.

Wichtig: Durchfall ist nur das Symptom, nicht die Erkrankung!

Durchfall entsteht durch verschiedene Mechanismen, die in den folgenden Kapiteln näher erläutert werden:

  • verzögerte oder veränderte Resorption osmotischer Substanzen >> osmotische Diarrhö
  • vermehrte Sekretion von Elektrolyten und Wasser in das Darmlumen >> sekretorische Diarrhö
  • erhöhte Permeabilität der Darmschleimhaut
  • gesteigerte Darmmotilität4

1.1.1 Osmotische Diarrhö

Einer osmotischen Diarrhö liegt eine unzureichende Resorption osmotisch wirksamer Stoffe aus dem Darmlumen zugrunde. Der Stuhl weist dementsprechend eine hohe Osmolarität auf.

Mögliche Ursachen der osmotischen Diarrhö sind

  • Maldigestion, Malabsorption (z. B. Lactasemangel, Sprue, Cholestase, exokrine Pankreasinsuffizienz) und
  • die Einnahme nicht absorbierbarer Substanzen (z. B. Sorbitol, Mannitol, Lactulose, salinische Abführmittel).5

1.1.2 Sekretorische Diarrhö

Handelt es sich um eine sekretorische Diarrhö, werden verstärkt Elektrolyte und Wasser in das Darmlumen sezerniert. Bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa führt vor allem die erhöhte Permeabilität der Darmschleimhaut zu Durchfällen.

Mögliche Ursachen der sekretorischen Diarrhö:

  • Sekretorische Substanzen mit cAMP-Anstieg:
    • Bakterielle Enterotoxine (z. B. von Cholera-Vibrionen, Salmonellen, E. coli)
    • Methylxanthine (z. B. Theophyllin)
    • Endokrin-aktive Tumoren (VIPom u. a.)
    • Dihydroxygallensäuren, Fettsäuren
    • Laxantienabusus
    Hinweis: Bei langfristigem, nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch (Abusus) von Laxanzien kann eine Obstipation durch Elektrolytverschiebungen verstärkt werden (Circulus vitiosus: Obstipation > Laxanzieneinnahme > gesteigerte Natrium- und Wasserausscheidung > gesteigerte Aldosteronsekretion > gesteigerte Kaliumausscheidung > Darmatonie, Muskelschwäche durch Hypokaliämie > Obstipation). Bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Laxantien, zum Beispiel bei chronischer Obstipation, konnten in klinischen Studien jedoch auch über längere Zeiträume keine Elektrolytverschiebungen und Gewöhnungseffekte festgestellt werden.4,6
  • Sekretorische Substanzen ohne cAMP-Anstieg:
    • Endokrin-aktive Tumoren (Karzinoid u. a.)
    • Bakterielle Toxine (z. B. von Shigellen, Staphylokokken)
    • Abführmittel (z. B. Rizinusöl)
  • Steigerung der Schleimhautpermeabilität:
    • Morbus Crohn
    • Colitis ulcerosa
  • Angeborene Hemmung des Ionentransports:
    • z. B. Chloriddiarrhö5

Die sekretorische Diarrhö wird oftmals durch Bakterientoxine ausgelöst, die verhindern, dass G-Protein-gebundenes Guanosintriphosphat zu Guanosindiphosphat hydrolysiert wird und damit zu einer anhaltenden Stimulation der Adenylylcyclase in den Enterozyten führen. In diesen Zellen wird daraufhin vermehrt cAMP gebildet, welches die Chloridkanäle aktiviert. Die Chloridsekretion wird somit gesteigert und die Natriumchloridresorption der Mukosazellen gehemmt.5

Exkurs: Meldepflicht nach §§ 6, 7 Infektionsschutzgesetz

Der Arzt bzw. das Labor muss gesicherte Infektionen durch darmpathogene Campylobacter sp., Salmonellen, EHEC sowie sonstige darmpathogene E. coli, Shigellen, Giardia lamblia, humanpathogene Cryptosporidium sp., Rota- und Noroviren an das Gesundheitsamt melden. Bei Typhus, Paratyphus und Cholera muss der Arzt schon den Verdacht auf eine entsprechende Infektion melden, ebenso wie die Erkrankung, Tod durch diese und die Ausscheidung von entsprechenden Erregern. Deshalb sind Patienten, die in der Apotheke vorstellig werden und bei denen der Verdacht auf eine bakterielle oder virale Infektion vorliegt, an den Arzt zu verweisen.

Eine Übersicht der meldepflichtigen Krankheiten und Krankheitserreger findet sich auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts.

1.1.3 Motilitätsstörungen:

Durchfall kann auch durch eine gesteigerte Darmmotilität (= Bewegungen des Darms) entstehen. Dies ist der Fall bei

  • Reizdarmsyndrom (Colon irritable)
  • Stress, Angst
  • Hyperthyreose
  • Karzinoid, Gastrinom
  • Divertikulose des Kolons
  • bakterieller Überwucherung (Fehlbesiedlung)5

1.1.4 Übersicht: Ursachen der Diarrhö

Tab. 1: Übersicht möglicher Ursachen für Durchfall, modifiziert nach7

Seltene Ursachen für Durchfall sind Karzinoide, eosinophile Gastroenteritis, Diabetes mellitus mit enteraler Neuropathie oder enterale hormonproduzierende Tumoren.7