2.3 Wechselwirkungen mit Nahrungs- und Genussmitteln

Arzneimittel-Nahrungsmittel-Interaktionen können prinzipiell alle pharmakokinetischen Prozesse im Organismus beeinflussen. Allerdings ist hiervon insbesondere die Resorptionsphase betroffen und somit auch die Bioverfügbarkeit von Arzneimitteln. Es ist daher von großer Bedeutung, die speziellen Einnahmehinweise (vor, während oder nach dem Essen bzw. nüchtern) der jeweiligen Packungsbeilage zu beachten. Dieser Effekt tritt beispielsweise bei gleichzeitiger Nahrungszufuhr und der Einnahme von Acebutolol, Nadolol, Captopril, Acetylsalicylsäure, Erythromycin, Azithromycin, Rifampicin und L-Thyroxin auf. Zu einer höheren Bioverfügbarkeit kann es zum Beispiel bei der Einnahme von Spironolacton, Hydrochlorothiazid, Ciclosporin und Montelukast kommen.

Wichtig

Bei gleichzeitiger Nahrungsaufnahme kann die Bioverfügbarkeit von Arzneimitteln beeinflusst werden, daher sollten stets die Einnahmehinweise (vor, während oder nach dem Essen bzw. nüchtern) der jeweiligen Packungsbeilage beachtet werden.

„Arzneimittel-Nahrungsmittel- Interaktionen können prinzipiell alle pharmakokinetischen Prozesse im Organismus beeinflussen.”

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EinnahmezeitpunktBedeutung/Zeitfenster
Vor dem Essen30–60 Minuten vor dem Beginn einer Mahlzeit
Während des EssensUnmittelbar vor einer Mahlzeit, dazu oder spätestens fünf Minuten danach
Nach dem Essen30–60 Minuten nach einer Mahlzeit
NüchternEine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit

Tab. 3: Einnahmezeitpunkte nach Göbel, Quelle: DAP, in Anlehnung an Quelle 5

Lebensmittel mit einem hohen Vitamin-K-Gehalt (v. a. grünes Blattgemüse) konkurrieren mit Cumarin-Derivaten, können deren antikoagulative Wirkung verringern und somit das Risiko für eine Thromboembolie erhöhen. Patienten, die Vitamin-K-Antagonisten einnehmen, sollten sicherheitshalber auch Zubereitungen mit Cranberrys, Preiselbeeren und Goji-Beeren meiden, da es auch hier zu Komplikationen kommen kann.7

Die Wirkung von Grapefruits wurde in einer Vielzahl von Studien untersucht. Die darin enthaltenen Flavonoide und Furanocumarine bilden (z. T. irreversible) Komplexe mit CYP3A4 in den Darmepithelzellen (nicht in der Leber) und hemmen damit die Metabolisierung von Substanzen, die überwiegend über dieses CYP-Isoenzym verstoffwechselt werden. Arzneistoffe, die dadurch eine erhöhte Bioverfügbarkeit und damit auch ein erhöhtes Nebenwirkungspotenzial aufweisen, sind z. B. die Folgenden:2

  • Statine: Atorvastatin, Lovastatin, Simvastatin
  • Calciumkanalblocker: Amlodipin, Felodipin, Nifedipin, Nitrendipin, Verapamil
  • Weitere: Carbamazepin, Ciclosporin, Midazolam, Terfenadin, Sildenafil

Neben der CYP-Inhibition können Grapefruits auch bestimmte Transportproteine hemmen und somit die Bioverfügbarkeit und Wirksamkeit betroffener Substanzen verringern. Betroffen ist unter anderem der Anionentransporter OATP2B1 mit der Folge erniedrigter Plasmakonzentrationen von beispielsweise Aliskiren (Antihypertensivum).

Wichtig

Bereits ein Glas Grapefruitsaft (ca. 250 ml) hemmt den Metabolismus für ca. 24 Stunden. Patienten sollten daher bei der Einnahme betreffender Arzneimittel vollständig auf Grapefruitprodukte verzichten.

Auch Milch und Milchprodukte (Joghurt, Quark, Käse) können die Bioverfügbarkeit, bedingt durch ihren Calciumgehalt und daraus resultierender schwer resorbierbarer Komplexe, bestimmter Arzneistoffe herabsetzen. Davon betroffen sind u. a. folgende Arzneistoffe:5

  • Bisphosphonate
  • Eisensalze
  • Fluoride
  • Gyrasehemmer
  • Schilddrüsenhormone
  • Tetracycline

Um Interaktionen mit Milch und Milchderivaten zu vermeiden, sollte, je nach Arzneistoff, ein Zeitabstand von zwei bis vier Stunden zwischen der Arzneimitteleinnahme und der Aufnahme von Milchprodukten eingehalten werden.

„Um Interaktionen mit Milch und Milchderivaten zu vermeiden, sollte, je nach Arzneistoff, ein Zeitabstand von zwei bis vier Stunden zwischen der Arzneimitteleinnahme und der Aufnahme von Milchprodukten eingehalten werden.”

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Wichtig

Vergleichbare Wechselwirkungen treten auch beim gleichzeitigen Verzehr anderer calciumreicher Lebensmittel, wie z. B. Mineralwasser, angereicherten Produkten oder Nahrungsergänzungsmitteln, auf. Daher sollten alle Arzneimittel, die mit mehrwertigen Kationen interagieren können, grundsätzlich mit Leitungswasser eingenommen werden.

Der übermäßige Konsum von Genussmitteln wie Alkohol, Tabak(-rauch) oder auch von ausgiebig gegrillten Fleischprodukten bewirkt eine Induktion der mikrosomalen Leberenzyme (z. B. Cytochrom-P450) und damit einen beschleunigten Abbau bestimmter Wirkstoffe. Alkohol kann zudem die Wirkung zentral dämpfender oder blutzuckersenkender Arzneimittel verstärken. Diabetiker sollten den Konsum von Alkohol daher meiden und diesen – wenn überhaupt – nur gelegentlich und stets in Verbindung mit einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit genießen. Einige Arzneistoffe, wie zum Beispiel Cephalosporin, Ketoconazol oder Metronidazol, können wiederum den Alkoholabbau im Organismus verlangsamen bzw. verhindern und so schlimmstenfalls zu einem Alkoholunverträglichkeitssyndrom führen (Symptome: Flush, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Atemnot, Blutdruckabfall). Da Tabakrauch ein Induktor von CYP1A2 ist, muss bei Wirkstoffen, die darüber verstoffwechselt werden und zusätzlich eine geringe therapeutische Breite aufweisen, bei Rauchern auf eine entsprechend höhere Dosis geachtet werden. Dies ist beispielsweise bei Theophyllin, aber auch bei bestimmten Neuroleptika (Clozapin, Olanzapin, Haloperidol) der Fall.