2.1 Häufige Wechselwirkungen erkennen und vermeiden

Für mögliche Interaktionen sensibilisieren

Es kann sich im Apothekenalltag bewähren, Strategien für die wichtigsten und häufigsten Wechselwirkungen zu definieren. Etwa 20 Wechsel­wirkungen decken mehr als 80 % aller Interaktionsmeldungen ab (siehe Tab. 2). Wichtige Arzneistoffe mit enger therapeutischer Breite, bei denen in der Regel auf Wechselwirkungen kontrolliert werden sollte, sollten bekannt sein. Dazu gehören Arzneistoffe wie orale Antikoagulanzien, Theophyllin, Methotrexat, Herzglykoside, Antiepileptika, Antiarrhythmika und Lithiumsalze.

„Etwa 20 Wechselwirkungen decken mehr als 80 % aller Interaktionsmeldungen ab.”

Interaktionspartner 1Interaktionspartner 2
Nichtsteroidale AntiphlogistikaKaliuretische Diuretika
ACE-Hemmer
AT1- Antagonisten
Betablocker
Glucocorticoide
Serotonin-Reuptake-Hemmer
Thrombozytenaggregationshemmer
Gyrasehemmer
Mehrwertige KationenSchilddrüsenhormone
Bisphosphonate
AllopurinolACE-Hemmer
InsulineKardioselektive Betablocker
ASSIbuprofen
ACE-HemmerKaliumsparende Diuretika
Betablockeralpha2-Agonisten
Orale AntikoagulanzienStatine
Trizyklische AntidepressivaSerotonin-Reuptake-Hemmer
HerzglykosideKaliuretische Diuretika
Thiazid-DiuretikaVitamin-D-Derivate
BetablockerBetasympathomimetika

Tab. 2: Die 20 häufigsten Interaktionen, Quelle: DAP, in Anlehnung an Quelle 5

Erfassung der Medikation

Um potenzielle Interaktionen überhaupt und möglichst frühzeitig erkennen zu können, ist es sinnvoll, alle Medikamente eines Patienten zu erfassen und regelmäßig auf Wechselwirkungen zu prüfen (Arzneimittelanamnese). Dabei sollten nicht nur die ärztlich verordneten Medikamente erfasst werden, sondern am besten auch die, die im Rahmen der Selbstmedikation eingenommen werden. Zur Datenerfassung und Speicherung (z. B. im Rahmen eines Kundenkartenmodells) ist in der Regel eine schriftliche Erlaubnis des Patienten einzuholen. Liegt eine schriftliche Vereinbarung vor, ist es am einfachsten, zunächst mithilfe der Apotheken-EDV Interaktionschecks durchzuführen.5

Überprüfen der klinischen Relevanz

Werden potenzielle Wechselwirkungen erkannt, muss im nächsten Schritt deren klinische Relevanz beurteilt werden. Diese hängt nicht nur von den pharmakologischen Eigenschaften des Wirkstoffs und der Therapiedauer bzw. des Einnahmezeitpunktes ab, sondern auch von der Konstitution und der allgemeinen Verfassung sowie dem Lebensstil des Patienten. Als Risikopatienten gelten vor allem solche mit Polymedikation, Leber- und/oder Nierenfunktionsstörungen, resorptionshemmenden Erkrankungen (Erbrechen, Durchfall) und hohem Alter. Zudem sind Kinder und Raucher besonders gefährdet.

„Werden potenzielle Wechselwirkungen erkannt, muss im nächsten Schritt deren klinische Relevanz eurteilt werden.”

Wichtig

Nicht jede Interaktion ist auch klinisch relevant und hängt zudem häufig vom einzelnen Patienten ab. Nachfragen beim Patienten können daher dabei helfen, die Wechselwirkung besser einzuschätzen.5

Hinweis

  • Insbesondere bei Kindern gibt es eine Vielzahl von Herausforderungen für Apotheken, auf die bei der medikamentösen Therapie zu achten ist. Neben der Auswahl des richtigen Arzneimittels sind auch Form und Geschmack für den Therapieerfolg entscheidend. Die fachkundige Beratung in der Apotheke spielt hier eine wichtige Rolle. Mithilfe der Fortbildung „Kinder in der Apotheke: Arzneimittelgabe und -anwendung in der Pädiatrie“ können Kenntnisse zu diesem Thema erweitert werden.
  • Kinder in der Apotheke: Arzneimittelgabe und -anwendung in der Pädiatrie https://fachkreise.zentiva.de/fortbildungen-apotheker

Ein hohes Risiko für klinisch relevante Wechselwirkungen haben z. B. Arzneistoffe2

  • mit gleichen pharmakodynamischen Zielorganen,
  • mit einer geringen therapeutischen Breite,
  • mit einer problematischen oder variablen Pharmakokinetik
    (z. B. irreversible Hemmung),
  • mit einer langen Halbwertszeit bzw. Wirkdauer und/oder
  • mit einer langsamen Elimination.

Ein hohes Risiko für klinisch relevante Wechselwirkungen haben außerdem Arzneistoffe, die

  • die die Enzym- oder sonstige Transportsysteme beeinflussen können oder
  • zum gleichen Zeitpunkt (z. B. vor dem Essen o. Ä.) eingenommen werden sollen.

Analysen haben gezeigt, dass der häufigste Interaktionseffekt eine durch die Abbauhemmung oder einen Synergismus verursachte Toxizität eines Arzneistoffs ist (ca. 86 % der gemeldeten Interaktionen). Hingegen kommt es eher selten zu einem klinisch relevanten Wirkungsverlust (ca. 14 %), der dann aber insbesondere bei Antibiotika, Immunsuppressiva und Gerinnungshemmern eine entscheidende Rolle spielen kann (unerwünschte Arzneimittelinteraktionen nach Typ und Häufigkeit: siehe Abb. 4).6

„Analysen haben gezeigt, dass der häufigste Interaktionseffekt eine durch die Abbauhemmung oder einen Synergismus verursachte Toxizität eines Arzneistoffs ist.”

Abb. 4: Unerwünschte Arzneimittelinteraktionen nach Typ und Häufigkeit gemäß Strandell, WHO 2011,
Quelle: DAP, in Anlehnung an Quelle 6

Vermeidung von Wechselwirkungen

Sind klinisch relevante Wechselwirkungen zu erwarten, muss der Apothekenmitarbeiter den Patienten beraten sowie über eine sinnvolle mögliche Intervention bzw. Maßnahme reflektieren. Eine Intervention kann im einfachsten Fall durch eine zeitversetzte Einnahme erfolgen, sodass eine mögliche Interaktion verhindert werden kann. Gegebenenfalls ist eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt (grundsätzlich bei allen laut ABDA-Datenbank als schwerwiegend eingestuften Wechselwirkungen) sowie eine entsprechende engmaschige Überwachung (Monitoring) oder gar eine neue Verordnung (Alternativarzneimittel) nötig.

Folgende Maßnahmen können die Gefahr von Wechselwirkungen verringern bzw. abwenden:

  • Auf nicht notwendige Kombinationen verzichten bzw. diese vermeiden
  • Notwendigkeit aktueller Medikation regelmäßig kontrollieren und evaluieren
  • Interaktionscheck grundsätzlich vor jeder erstmaligen Verordnung und möglichst bei jeder Arzneimittelabgabe durchführen
  • Wechselwirkung durch zeitlich verzögerte Einnahme verhindern, sofern möglich
  • Dosisanpassungen (Reduktion/Steigerung) je nach Effekt (Synergismus/ Antagonismus), sofern möglich
  • Engmaschige Kontrollen (Plasmakonzentrationen) bei unvermeidbarer gleichzeitiger Einnahme durchführen
  • Patientenberatung und -aufklärung durchführen, für potenzielle Nebenwirkungen sensibilisieren und Handlungsmaßnahmen bei Eintritt einer unerwünschten Wirkung besprechen (z. B. Hämatome durch Antikoagulantien, Muskelschmerzen durch Statine)
  • Verschärft auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen nach Veränderungen der Medikation (z. B. Absetzen eines Medikaments) und/oder von Lebensund Konsumgewohnheiten (z. B. Rauchen, Diät) achten