Der Wirkstoff Glatirameracetat wird zur Therapie der schubförmigen Multiplen Sklerose eingesetzt. Entsprechend der DGN-Leitlinie wird Glatirameracetat bei KIS (= Klinisch isoliertes Syndrom) und RRMS (schubförmige MS) als Basistherapie (= verlaufsmodifizierende Therapie) empfohlen. Die Frühtherapie der schubförmigen MS mit IFN-beta-Präparaten oder Glatirameracetat wird außerdem als Paradigma angesehen, da hierzu vier positive Studien mit Evidenzklasse I vorliegen. [2]

In Deutschland sind derzeit das Originalpräparat Copaxone® (20 mg/ml 7 x wöchentlich; 40 mg/ml 3 x wöchentlich; TEVA GmbH) und ein Nachahmerpräparat Clift® (20 mg/ml; Mylan dura GmbH) im Handel. [16] Für das dreimal wöchentlich zu injizierende Copaxone® 40 mg/ml hält der Originalhersteller TEVA ein Patent, sodass diese Formulierung voraussichtlich bis zum Jahr 2030 geschützt sein wird. [17]

Die klinischen Daten aus den Zulassungsstudien zeigten eine ca. 33%ige Reduktion der Schubrate unter Therapie mit Glatirameracetat 20 mg/ml 7 x wöchentlich. [11] [12] In der kernspintomographischen Untersuchung zeigte sich außerdem nach neun Monaten unter Behandlung mit Glatirameracetat eine signifikante Reduktion der Gesamtanzahl aktiver Herde gegenüber Placebo sowie eine Verbesserung in Bezug auf die Anzahl neuer Herde. [13] In einer neueren Studie aus dem Jahr 2013 wurde das neu entwickelte und dreimal wöchentlich zu applizierende Glatirameracetat 40 mg/ml 3 x wöchentlich auf Wirksamkeit und Verträglichkeit untersucht, wobei die Reduktion des Risikos einen Schub zu erleiden mit 34 % auf einem mit der einmal täglichen Gabe vergleichbaren Niveau lag. [14] Ein aktueller Review kam außerdem zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit von Glatirameracetat und Interferon-beta bei RRMS vergleichbar ist. [15]

2.4.1 Anwendungsgebiete

Eine Therapie mit Glatirameracetat eignet sich vor allem für Patienten mit moderaten Verlaufsformen mit relativ geringen Behinderungen in einem frühen Stadium der Erkrankung. Bei primär oder sekundär progredienter MS ist Glatirameracetat nicht zugelassen. [6]

Indikation von Glatirameracetat: [6]

Reduktion der Schubfrequenz bei Patienten mit schubförmig remittierender MS, bei denen mindestens zwei Schübe mit neurologischen Funktionsstörungen während der letzten beiden Jahre auftraten

Hinweis: Eine Behandlung mit Glatirameracetat wurde zusätzlich bei Patienten mit einer klar definierten ersten klinischen Episode (KIS) und einem hohen Risiko, eine klinisch gesicherte MS zu entwickeln, (revidierte McDonald-Kriterien 2010) untersucht.

2.4.2 Wirkstoffzusammensetzung und Wirkmechanismus

Glatirameracetat ist das Acetatsalz synthetischer Polypeptide, die sich aus vier natürlich vorkommenden Aminosäuren in zufälliger Reihenfolge zusammensetzen:

  • L-Glutaminsäure
  • L-Lysin
  • L-Alanin
  • L-Tyrosin

Es handelt sich um ein polymerisiertes Gemisch der vier wichtigsten Aminosäuren des basischen Myelinproteins im selben Verhältnis wie in Myelin, wobei ein Polypeptid eine durchschnittliche Molekülmasse von 5–13 kDa aufweist. [5] [6] Die Herstellung erfolgt durch Polymerisation.

Der Wirkmechanismus von Glatirameracetat ist bislang noch nicht vollständig aufgeklärt. Das Polypeptidgemisch moduliert offensichtlich Immunprozesse, die für die Pathogenese der MS entscheidend sind. Es wird angenommen, dass der Wirkstoff zum einen das Autoantigen aus seiner Bindung an den MHC-Komplex und an spezifische Effektorzellen verdrängt und zum anderen die Zahl von T-Suppressorzellen, die die Entzündung im ZNS verringern, erhöht. [6]

Der Wirkungseintritt von Glatirameracetat erfolgt nach ca. drei Monaten. [6]

2.4.3 Art der Anwendung

Da bei peroraler Einnahme des Polypeptidgemischs keine ausreichende Menge an Wirkstoff an den Wirkungsort gelangen würde, muss Glatirameracetat subkutan, also in das Unterhautfettgewebe, injiziert werden.