Die Symptome können bei Multipler Sklerose variieren, da die Lage der Entmarkungsherde in der weißen Substanz für die Ausprägung der Symptome entscheidend ist. Häufig sind jedoch die Sehnerven, das periventrikuläre Marklager, das Kleinhirn und das Rückenmark im Bereich der Halswirbelsäule betroffen. Charakteristisch für eine MS im frühen Stadium ist das Vorkommen der Symptome in Schüben sowie deren Rückbildung (Remission). Die Entzündungsaktivität ist jedoch auch während der schubfreien Zeit vorhanden, sodass die Früherkennung der Krankheit und frühzeitige Einleitung einer immunmodulatorischen Therapie von großer Bedeutung sind. [2] [4]

1.6.1 Erste Symptome

Je nach Lage des Entzündungsherdes im Gehirn oder Rückenmark treten entsprechende Symptome auf. Für den Beginn der Erkrankung sind besonders die folgenden Symptome typisch, es können aber auch andere auftreten, was der Erkrankung den Beinamen „Krankheit der tausend Gesichter“ gegeben hat.

  • Gefühls- und Sehstörungen (z. B. Optikusneuritis = einseitige Sehschwäche)
  • belastungsabhängige Schwäche der Beine
  • Gangunsicherheit
  • Gleichgewichtsstörungen

Die Initialsymptome treten häufig isoliert auf und sind noch nicht so stark ausgeprägt. [4]

1.6.2 Häufig auftretende Symptome bei MS

Bei MS-Patienten sind häufig die folgenden Symptome zu beobachten:

  • Ermüdbarkeit („Fatigue“)
  • Spastische Paresen (Parese = Teillähmung)
  • Parästhesien (= Kribbeln, Taubheitsgefühl)
  • Hypästhesien (= herabgesetzte Berührungs- bzw. Schmerzempfindung, v. a. im Bereich der Haut)
  • Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen
  • Sehstörungen (z. B. Blickparesen, Nystagmus = unkontrollierbare, rhythmisch verlaufende Bewegung des Auges, „Augenzittern“) [4]

Zerebelläre (= das Kleinhirn betreffende) Symptome der MS

  • Gang- und Standataxie (= Störungen der Bewegungskoordination)
  • Intentionstremor
  • Dysdiadochokinese (= Störung der Bewegungskoordination; Einschränkung bei schnell abfolgenden antagonistischen Bewegungen)
  • skandierende Sprache (= Koordinationsstörung des Sprechens; langsame, abgehackte und verwaschene Sprache) [4]

Die sog. „Charcot-Trias“, benannt nach dem Erstbeschreiber Jean Martin Charcot, bezeichnet die sowohl bei der MS als auch anderen degenerativen neurologischen Erkrankungen auftretende Symptomkombination aus Nystagmus, Intentionstremor und skandierender Sprache. Als für MS charakteristisch gelten außerdem das „Uhthoff-Phänomen“ und das „Lhermitte-Zeichen“. [4]

Uhthoff-Phänomen: Vorübergehende Verschlechterung neurologischer Symptome bei Erhöhung der Körpertemperatur

Lhermitte-Zeichen: Für die Dauer weniger Sekunden anhaltende Parästhesien im Rücken oder in den Extremitäten bei forciertem Vorbeugen des Kopfes (allerdings nicht ausschließlich bei MS)

1.6.3 Vegetative Symptome der MS

  • Blasenentleerungsstörungen
  • Stuhlinkontinenz
  • Sexualstörungen

Darüber hinaus kann es im Krankheitsverlauf zu Hirnleistungsstörungen kommen, z. B. Störungen der Kognition, des Kurzzeitgedächtnisses, der Konzentrationsfähigkeit und der Auffassungsgabe. Fatigue als ein die Lebensqualität einschränkendes Symptom kann in allen Phasen der Erkrankung in Erscheinung treten. [4]

1.6.4 Definition eines Schubes

Ein Schub ist definiert als neues Auftreten oder Reaktivierung bereits zuvor aufgetretener klinischer Ausfälle und Symptome, die subjektiv berichtet oder durch die Untersuchung objektiviert werden können und die

  • mind. 24 h anhalten,
  • mit einem Zeitintervall von ≥ 30 Tagen zum Beginn vorausgegangener Schübe auftreten und
  • nicht durch Änderungen der Körpertemperatur (z. B. Fieber; Uhthoff-Phänomen) oder im Rahmen von Infektionen zu erklären sind.

Von einem richtigen Schub zu unterscheiden sind sog. „Pseudoschübe“ oder Exazerbationen. Kurz andauernde paroxysmale Episoden (z. B. tonische Spasmen, Trigeminusneuralgie) werden nicht als Schub angesehen. [2]