Bei MS handelt es sich um eine langsam fortschreitende Autoimmunkrankheit, bei der das Immunsystem die Markscheiden-bildenden Oligodendrozyten im zentralen Nervensystem (ZNS) angreift. Diese sind überwiegend in der weißen Substanz vorhanden. [5]

Weiße Substanz (Substantia alba) = Anteile des ZNS, die überwiegend Leitungsbahnen bzw. Nervenfasern, also Nervenzellfortsätze, enthalten.

Oligodendrozyten sind Gliazellen und dienen der elektrischen Isolierung von Axonen (= lange, schlauchartige Nervenzellfortsätze) im ZNS. Mit ihren Fortsätzen umfassen sie das Axon, wobei sich ihre Plasmamembran mehrfach um das Axon wickelt. Diese Lamellensubstanz wird als Myelin (griech.: Mark) und die gesamte Hülle als Myelin- oder Markscheide bezeichnet. Die Axone werden dementsprechend myelinisierte (= markhaltige) Axone genannt. Im peripheren Nervensystem erfüllen Schwann-Zellen die Funktion der Oligodendrozyten. [6]

Abb. 1: Schema eines Neurons

Zwischen den von Oligodendrozyten gebildeten Myelinabschnitten liegen kleine Lücken, die Ranvier-Schnürringe. Diese sind nicht von Myelin umgeben, aber im ZNS noch von den Fortsätzen der Astrozyten bedeckt.

Die Myelinisierung von Axonen ermöglicht die saltatorische Erregungsleitung. Das Membranpotential ändert sich bei myelinisierten Axonen ausschließlich im Bereich der Schnürringe, sodass die Erregung von einem Schnürring zum nächsten springt. Dadurch ist die Erregungsweiterleitung um ein Vielfaches schneller als die der unmyelinisierten Axone (Leitungsgeschwindigkeit ca. 120 m/s im Vergleich zu 0,5–15 m/s bei marklosen Fasern). [6]

Die Multiple Sklerose ist durch fokale entzündlich entmarkende Läsionen im ZNS gekennzeichnet, mit unterschiedlich stark ausgeprägtem Verlust von Axonen (Neurodegeneration) und reaktiver Gliose (= gliales Narbengewebe, Bildung von Ersatzgewebe ohne Funktionsübernahme der zerstörten Nervenzellen). Die demyelinisierten Plaques mit Schädigung der Oligodendrozyten und perivaskulären Entzündungen finden sich vorwiegend in der weißen Substanz, wobei die Sehnerven, das periventrikuläre Marklager, das Kleinhirn und das Zervikalmark Prädilektionsstellen sind. Parallel zu diesen lokalen und im MRT deutlich identifizierbaren Herden findet eine diffuse Degeneration in der grauen Substanz von Gehirn und Rückenmark statt, die sich zunächst weniger deutlich im MRT abzeichnet. [4]

1.4.1 Die Rolle der T-Zellen

Eine zentrale Rolle bei der Entstehung der MS scheinen T-Lymphozyten zu spielen, die durch bisher unbekannte Auslöser aktiviert werden und aus den Lymphknoten in die Blutbahn migrieren und die Blut-Hirn-Schranke (BHS) überwinden. Damit eine solche Passage möglich ist, müssen Adhäsionsmoleküle (z. B. Selektine, Integrine) der T-Zellen mit entsprechenden Rezeptoren der Gefäßendothelzellen interagieren. [6] Die Blut-Hirn-Schranke ist bei gesunden Menschen für zirkulierende Zellen und kleinere Partikel nicht passierbar – ZNS und Blutkreislauf sind effektiv getrennt. Die Fähigkeit, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, erwerben die T-Zellen offenbar erst auf ihrem Weg, da sie über mehrere Tage vor dem Eintritt in das ZNS durch die peripheren Immunorgane wie Lymphknoten und Milz zu wandern scheinen. [7]

Im ZNS müssen die T-Zellen zunächst mit Antigen-präsentierenden Zellen, die bestimmte Myelin-Antigene, wie z. B. das basische Myelin-Protein (MBP), auf ihrer Oberfläche präsentieren, in Kontakt treten, um erneut aktiviert zu werden. Nach dieser Reaktivierung im ZNS erlangen die T-Zellen ihre volle Effektorfunktion und verursachen Entzündungs- und Demyelinisierungsreaktionen einschließlich axonaler Schädigungen. Durch die Schädigung der Myelinscheiden nimmt die Leitungsgeschwindigkeit der Axone ab, wodurch die typischen MS-Symptome entstehen. [6]

1.4.2 B-Zellen

Doch nicht nur die T-Zellen, sondern auch die antikörperproduzierenden B-Zellen scheinen an der Krankheitsentstehung beteiligt zu sein. So ist eine große Menge an Antikörpern im Liquor (= Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit) ein Diagnosekriterium der MS. Die Antikörper werden jedoch wahrscheinlich von den im Liquor vorhandenen B-Zellen produziert und nicht von eingewanderten B-Zellen. [8] [9] B-Zellen können jedoch auch als Antigen-präsentierende Zellen eine pathologische Rolle spielen und durch direkte Wechselwirkung die Aktivierung von T-Zellen steuern. [10]

Um die Ätiologie und Pathomechanismen der MS im Detail zu verstehen und neue Therapieansätze zu finden, ist weitere Forschungsarbeit erforderlich.