Johanniskraut – Welche Wechselwirkungen sind relevant?

Verlangt ein Kunde Johanniskrautextrakt in der Selbstmedikation, klingen höchstwahrscheinlich bei jedem pharmazeutischen Mitarbeiter die Alarmglocken: Die Frage „Nehmen Sie noch weitere Medikamente ein?“ sollte im Beratungsgespräch nicht fehlen.
Denn die CYP- und PGP-Induktion durch Johanniskraut sorgt für zahlreiche Wechselwirkungen – das lernen Pharmazeuten und PTA schon während des Studiums und der Ausbildung.

Die zum Teil schwerwiegenden Wechselwirkungen sind auf die Induktion Cytochrom-P-450-abhängiger, arzneistoff-metabolisierender Enzyme (CYP3A4, CYP1A2) sowie die Induktion des Transportproteins P-Glycoprotein (PGP) zurückzuführen. Dadurch kann Johanniskraut zum einen die Elimination anderer Arzneistoffe beschleunigen und die Wirksamkeit der anderen Stoffe vermindern.
Zum anderen kann Johanniskrautextrakt aber auch die Serotonin-Konzentration in bestimmten Teilen des ZNS erhöhen, sodass es zu toxischen Konzentrationen kommen kann, insbesondere bei Kombination mit Antidepressiva (SRI oder SSRI).

Interaktionen können somit zum Beispiel mit CYP3A4-, CYP1A2- und PGP-Substraten sowie mit serotoninergen Substanzen auftreten.

Diese Interaktionen sind relevant (schwerwiegend, mittelschwer):

Kombination von Johanniskrautextrakt mit

  • Immunsuppressiva
    • Ciclosporin
    • Tacrolimus zur innerlichen Anwendung
    • Sirolimus
  • Anti-HIV-Arzneimittel
    • Proteinase-Inhibitoren wie Indinavir
    • Non-Nucleosid-Reverse-Transcriptase-Inhibitoren wie Nevirapin
  • Hepatitis-C-Virustatika wie
    • Daclatasvir
    • Elbasvir/Grazoprevir
  • Zytostatika (mit Ausnahme von monoklonalen Antikörpern) wie
    • Imatinib
    • Irinotecan
  • Antikoagulanzien wie
    • Phenprocoumon
    • Warfarin
  • Hormonelle Kontrazeptiva
  • Andere Antidrepessiva
  • Antimykotika wie
    • Isavuconazol

Hormonelle Kontrazeptiva sind bei einigen Johanniskrautextrakt-Präparaten als Kontraindikation gelistet. Generell gilt, dass Frauen, die orale Kontrazeptiva und Johanniskrautextrakt gleichzeitig einnehmen, im Beratungsgespräch auf mögliche Zwischenblutungen als Folge einer Wechselwirkung hingewiesen werden und hinsichtlich zusätzlicher kontrazeptiver Maßnahmen beraten werden sollten.
Es sind zusätzliche Maßnahmen zur Empfängnisverhütung zu treffen.

Weitere Interaktionen bei gleichzeitiger Einnahme von Johanniskraut:

  • Verminderte Wirkung von Theophyllin, Digoxin, Ivabradin, Verapamil, Simvastatin, Midazolam ➔ pharmakokinetisch-antagonistische Wechselwirkung
  • Wirkungsverstärkung von Antidepressiva vom SRI- bzw. SSRI-Typ wie Paroxetin, Sertralin, Trazodon (CAVE: Serotoninsyndrom) ➔ pharmakodynamisch-synergistische Wechselwirkung
  • Verstärkung phototoxischer Wirkungen bei gleichzeitiger Behandlung mit anderen Arzneimitteln, die photosensibilisierend wirken

Bei Kunden, die Johanniskrautextrakt in der Selbstmedikation erhalten möchten, ist somit immer nach der Einnahme weiterer Medikamente zu fragen. Nimmt ein Kunde weitere Medikamente ein, kann zum Beispiel mittels Interaktionsmodul der Apothekensoftware oder der Fachliteratur schnell geprüft werden, ob eine relevante Wechselwirkung vorliegt.

Zusatzinfo: Anwendungsgebiet von Johanniskrautextrakt

Johanniskrautextrakt wird bei depressiver Verstimmung und leichten bis mittelschweren Depressionen eingesetzt. Die Wirkung tritt wie bei vielen pflanzlichen Arzneimitteln allmählich ein. Tritt nach 4–6 Wochen Eigenbehandlung keine Besserung der Symptome auf, ist die weitere Behandlung nicht ohne ärztliche Anweisung durchzuführen.

Allgemeine Aspekte zur Beurteilung von Wechselwirkungen

  • Wie relevant ist die Wechselwirkung? ➔ schwerwiegend, mittelschwer?
  • Werden die Arzneimittel (noch) gleichzeitig eingenommen? ➔ WW können in der Software aufgrund der Daten in der Patientenkartei angezeigt werden, obwohl der Patient das AM gar nicht mehr einnimmt
  • Kurzfristige oder dauerhafte Einnahme? ➔ Akut- oder Dauertherapie?
  • Dosierung der Arzneimittel? (Beispiel: ASS 100 mg vs. 500 mg)
  • Welche Darreichungsform? (Beispiele: Augentropfen, perkutan, oral)

Bei einer Neuverordnung sollte der Arzt immer über eine relevante Wechselwirkung informiert werden, wenn die Interaktion Probleme hervorrufen könnte.

Bei relevanten Wechselwirkungen, die durch die zusätzliche Einnahme eines Präparats in der Selbstmedikation entstünden (z. B. Johanniskraut), ist ein alternatives Präparat zu empfehlen. Nimmt der Patient das OTC-Präparat, das eine Wechselwirkung verursacht, schon länger ein, ist der behandelnde Arzt darüber zu informieren.

Im Zweifel und bei schwerwiegenden Wechselwirkungen empfiehlt es sich immer, sicherheitshalber eine Rücksprache mit dem verschreibenden Arzt halten.

Neuen Kommentar schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.