Selbstmedikation bei Menschenaffen

Wie Orang-Utans Heilpflanzen gezielt einsetzen
Können Tiere wissen, welche Pflanzen ihnen guttun? Beobachtungen bei Menschenaffen zeigen: Schimpansen, Orang-Utans und Weißhandgibbons nutzen Heilpflanzen gezielt – sowohl zur Vorbeugung von Krankheiten als auch zur Behandlung von Beschwerden. Wie das funktioniert und was wir daraus lernen können, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Bereits in den 1960er-Jahren entdeckte Jane Goodall im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania, dass Schimpansen ganze Blätter schlucken, die unverdaut wieder ausgeschieden werden. Dieses Verhalten, heute als „Ganzblatt-Schlucken“ bekannt, dient, so sind sich Forscherinnen und Forscher heutzutage recht einig, der Vorbeugung gegen Parasiten. Es konnte gezeigt werden, dass das gezielte Kauen bitterer Pflanzenteile, etwa von Vernonia amygdalina, Wurminfektionen reduziert. Auffällig ist: Obwohl die Pflanze das ganze Jahr verfügbar ist, nehmen die Tiere sie vor allem in der Regenzeit zu sich, wenn Wurminfektionen besonders häufig auftreten. Um die Pflanze zu erreichen, passen sie sogar ihre Wanderrouten an.
Tiere auf den Spuren der Apotheken
Heute wird in verschiedene Formen tierischer Selbstmedikation unterschieden. Dazu gehören krankheitsbedingtes Rückzugs- und Vermeidungsverhalten, prophylaktische Einnahme von Pflanzen mit gesundheitsfördernden Wirkungen, therapeutische Anwendung zur Behandlung von Symptomen und die gezielte äußerliche Anwendung pharmakologisch aktiver Pflanzen. Gerade die letzte Kategorie galt lange als kaum belegt – bis in den letzten Jahren mehrere Beobachtungen dokumentiert werden konnten.
So kauen Borneo-Orang-Utans (Pongo pygmaeus) beispielsweise Blätter von Dracaena cantleyi, erzeugen einen Schaum und tragen diesen gezielt auf Arme und Beine auf. Das Verhalten dauert bis zu 45 Minuten und betrifft nur ausgewählte Körperstellen. Die Tiere verschlucken die Blätter nicht. Analysen zeigen, dass Dracaena cantleyi entzündungshemmende Wirkstoffe enthält und in der lokalen Ethnomedizin bei Muskel- und Gelenkschmerzen eingesetzt wird.
Besonders eindrücklich ist ein Fall bei einem Sumatra-Orang-Utan (Pongo abelii): Nach einer Gesichtsverletzung riss das Tier gezielt Blätter der Liane Fibraurea tinctoria ab, kaute sie und trug den Pflanzensaft mehrmals direkt auf die Wunde auf. Anschließend bedeckte es die Verletzung vollständig mit den Blättern. Diese Liane wird traditionell gegen Entzündungen, Infektionen und andere Beschwerden eingesetzt und enthält nachweislich antibakterielle und entzündungshemmende Substanzen. Es handelt sich damit um den ersten systematisch dokumentierten Fall einer aktiven Wundbehandlung durch ein wildlebendes Tier.
Auch bei Schimpansen wurde ein ähnliches Verhalten beobachtet: In Gabun trugen Tiere Insekten auf eigene oder fremde Wunden auf. Die Tiere fingen die Insekten, immobilisierten sie, trugen sie auf die Wunden auf und wiederholten den Vorgang mehrfach. Obgleich die Wirksamkeit noch nicht abschließend erforscht ist, zeigt das Verhalten ein gezieltes, wiederholtes Handeln.
Die Beobachtungen bei Schimpansen und Orang-Utans zeigen, dass Tiere Heilpflanzen gezielt einsetzen – sowohl innerlich als auch äußerlich –, um Krankheiten vorzubeugen, Symptome zu lindern oder Wunden zu behandeln. Für die Naturheilkunde bedeutet das: Pflanzliche Wirkstoffe sind vermutlich keine zufällige Wahl, sondern folgen nachvollziehbaren biologischen Prinzipien. Diese Beispiele aus der Tierwelt liefern spannende Einblicke in die Wirkungsweisen von Heilpflanzen und erlauben einen Rückschluss auf die Entdeckung der (Natur-)Heilkunde durch den Menschen.
Quelle:
Laumer IB, Rahman A et al. Active self-treatment of a facial wound with a biologically active plant by a male Sumatran orangutan. Sci Rep 14, 8932 (2024). https://doi.org/10.1038/s41598-024-58988-7