Reduzieren Spaziergänge in der Natur den Medikamentengebrauch?

„Geh doch einfach mal an die frische Luft, das wird dir guttun!“ – eine Binsenweisheit, die wohl fast jeder von seinen Eltern zu hören bekommen haben dürfte. Dass da etwas dran ist, konnte nun eine finnische Studie zeigen.1 7.132 Teilnehmer wurden dabei hinsichtlich ihres Medikamentengebrauchs und ihrer Ausflugsgewohnheiten befragt. Was kann das große Grün da draußen also bewirken?
Besonders während der Pandemie haben viele Menschen ein neues (altes) Hobby für sich entdeckt: Während Freizeitparks, Kinos und Einkaufscenter geschlossen waren, gingen immer mehr Menschen im Freien wandern. Der eine oder andere dürfte festgestellt haben, dass eine Wanderschaft im Grünen nicht nur gut für den Körper ist, sondern sich auch positiv auf die Psyche auswirkt. Dies nachzuweisen, war das Ziel von Forschern aus Helsinki. 7.132 Studienteilnehmer wurden zu ihrem Medikamentengebrauch und ihren Freizeitaktivitäten befragt – und das über 7 bis 52 Wochen. Es wurden insbesondere Menschen untersucht, die Antiasthmatika, Antihypertensiva und Psychopharmaka einnahmen. Einbezogen wurden nicht nur Wander- und Spazierrunden in der Natur, sondern auch der Besuch von städtischen Grünflächen und auch, ob die Probanden von ihrer Wohnung aus einen Blick auf eine Grünfläche hatten oder nicht.
Der Blick allein trügt
Es konnte festgestellt werden, dass der Blick auf die grüne Natur keinen Einfluss darauf hat, wie viele Medikamente jemand einnimmt. Wohl aber konnte gezeigt werden, dass regelmäßige Grünflächenbesuche, ob nun städtisch oder in der freien Natur, einen signifikanten Einfluss auf die Medikamenteneinnahme der Probanden hatte: Sie sank. Für einen Effekt mussten Probanden also die heimischen vier Wände verlassen.
Studiendesign nicht fehlerlos
Wie so oft weist diese Untersuchung allerdings einige Schlupflöcher auf, die die Aussagekraft des Ergebnisses mindern. So ließ sich nicht abschließend ausschließen, dass die geringere Medikamenteneinnahme nicht etwa durch die Bewegung im Freien und somit mit einem geringeren BMI einherging. Auch wurde keine Untersuchung durchgeführt, ob der Medikamentengebrauch ansteigt, wenn Probanden aufhören, Grünflächen aufzusuchen. Teils, besonders bei Asthmapatienten, konnte sogar eine Erhöhung des Medikamentengebrauchs festgestellt werden, wenn Grünflächen aufgesucht wurden, wobei sich diese mit gesundem Menschenverstand leicht erklären lässt. Warum der Medikamentengebrauch nun am Ende sank, ist an sich ja auch nicht relevant – wichtig ist, es konnte gezeigt werden, dass Bewegung im Freien und in der Natur einen positiven Einfluss auf die Medikationsnotwendigkeit haben kann – und das ist doch das Wichtigste.
1 Turunen et al. Cross-sectional associations of different types of nature exposure with psychotropic, antihypertensive and asthma medication. Occupational & Environmental Medicine 2023; 80(2): 111–118