Wenn das Gehirn mitisst: warum Abnehmen so schwer ist
Warum fällt es so schwer, ungesunde Essgewohnheiten zu durchbrechen? Diese Frage steht im Mittelpunkt aktueller Forschung. Endokrinologin Dr. Ruth Hanßen erklärt, welche zentrale Rolle das Gehirn beim Essverhalten spielt.
Ein zentrales Problem: Unser Essverhalten wird nicht nur durch Willenskraft gesteuert, sondern maßgeblich durch unbewusste neurobiologische Prozesse. Besonders die Kombination aus Zucker und Fett hat einen starken Einfluss auf das Belohnungssystem. In einer Studie zeigte sich, dass bereits nach 8 Wochen mit regelmäßigem Konsum stark zucker- und fetthaltiger Lebensmittel die Präferenz für genau diese Lebensmittel steigt. Das Gehirn wird gewissermaßen „umprogrammiert“ und hochkalorische Nahrung wird attraktiver.
Auch Insulin spielt eine entscheidende Rolle. Das Hormon wirkt nicht nur peripher, sondern auch im Gehirn, wo es Hunger- und Sättigungssignale beeinflusst. Entwickelt sich eine Insulinresistenz, kann das Essverhalten nicht mehr gut an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden. Die Motivation zu essen bleibt dann konstant hoch, unabhängig davon, ob man hungrig ist oder nicht.
Ein weiteres typisches Muster: Tagsüber gelingt es vielen Menschen, ihre Ernährung zu kontrollieren, doch abends brechen die Vorsätze häufig ein. Der Grund liegt darin, dass Nervenzellen im Belohnungszentrum des Gehirns am Abend aktiver sind, wodurch der Drang nach Belohnung steigt. Nach einem langen, stressigen Tag greifen viele daher eher zu Snacks oder Süßigkeiten.
Neben biologischen Faktoren spielen auch Umwelt und Genetik eine Rolle. Während genetische Anlagen beeinflussen können, wann und wie stark Übergewicht entsteht, begünstigt die ständige Verfügbarkeit hochverarbeiteter Lebensmittel die Entwicklung ungesunder Gewohnheiten zusätzlich. Besonders kritisch ist dies in der Kindheit, da hier bereits eine langfristige Prägung des Essverhaltens stattfinden kann. Adipositas ist daher nicht nur eine Stoffwechsel-, sondern auch eine Gehirnerkrankung. Das Gehirn trägt wesentlich dazu bei, dass das Essverhalten aufrechterhalten wird, etwa durch veränderte Hunger- und Sättigungssignale.
Hoffnung bieten neue Therapieansätze wie GLP-1-Analoga. Diese wurden ursprünglich zur Behandlung von Diabetes entwickelt, da sie die Insulinausschüttung fördern. Gleichzeitig wirken sie auch im Gehirn: Sie erhöhen das Sättigungsgefühl und reduzieren den Appetit, sodass Betroffene weniger essen und Essanfälle besser kontrollieren können. Dadurch fällt es oft leichter, zuvor gesetzte Ernährungsziele im Alltag umzusetzen. Allerdings ist noch unklar, ob sich das Gehirn durch die Therapie nachhaltig „umprogrammieren“ lässt.
Der Blick auf die Forschung macht deutlich: Adipositas ist nicht nur eine Stoffwechselerkrankung, sondern auch eine Erkrankung des Gehirns – und weit mehr als eine Frage der Disziplin.
Quelle: https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adipositas-uebergewicht-forschung-psyche-100.html
