Neue Anti-Adipositas-Medika­mente: Ein­ordnung zwischen Therapie­erfolg und Prävention

Im Vortrag von Prof. em. Dr. med. M. J. Müller (Institut für Human­ernährung, Uni­versität Kiel) auf dem NZW in Hamburg (30.01.–01.02.2026) wurde die aktuelle Bedeutung moderner Anti-Adipositas-Medikamente, insbesondere GLP-1-basierter Therapien, eingeordnet. Diese Wirkstoffe ermöglichen erstmals ausgeprägte Gewichts­verluste und eröffnen vielen Betroffenen neue Behandlungs­optionen. Gleichzeitig zeigen Daten, dass lang­fristige Gewichts­stabilität generell schwierig bleibt: Je nach Studie halten nur etwa 5–11 % der konservativ behandelten Patientinnen und Patienten eine Gewichts­reduktion von ≥ 10 % über ein Jahr auf­recht, und nach einem Jahr setzen ledig­lich rund 27 % eine medikamentöse Therapie fort.

Auch Leitlinien reagieren auf diese Entwicklung. Die WHO empfiehlt GLP-1-Therapien inzwischen als mögliche Langzeitbehandlung bei Erwachsenen mit Adipositas, allerdings unter Vorbehalten – u. a. wegen begrenzter Langzeitdaten, Kostenfragen und möglicher Auswirkungen auf die Versorgungsgerechtigkeit. Ergänzend werden strukturierte Lebensstilmaßnahmen angeraten, da sie die Ergebnisse verbessern können.

Der Vortrag betonte zudem praktische Aspekte der Therapie: Unter Behandlung müssen Muskelmasse, Nährstoffversorgung und Nebenwirkungen aktiv überwacht werden. Empfohlen werden u. a. regelmäßige Gewichtskontrollen, Bewegungstraining zur Muskelerhaltung sowie das Management gastrointestinaler Beschwerden.

Zentral war die Einordnung der Ursachen von Adipositas. Die starke Zunahme in den letzten Jahrzehnten wird überwiegend auf veränderte Lebens- und Ernährungsumgebungen zurückgeführt – etwa hochverarbeitete Lebensmittel, Bewegungsmangel und sozioökonomische Faktoren – und weniger auf genetische Veränderungen.

Daraus ergibt sich ein dreistufiger Ansatz: gesundheitsförderliche Lebenswelten auf Bevölkerungsebene, frühe Intervention bei Risikogruppen sowie personalisierte Langzeittherapie. Medikamente sind dabei eine wichtige Option für einzelne Betroffene, können aber das bevölkerungsweite Adipositasproblem nicht allein lösen.

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