Helfen, sich selbst zu helfen – das Problem mit der Adhärenz

Kommentar von Dominique Demuhs, M. Sc. – DAP Networks GmbH

Fühlt sich ein Patient während seiner Therapie gut beraten und unterstützt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er der Therapie treu bleibt – eine Aussage, die sicherlich niemand in Frage stellt. Medizinisch untermauert wurde das Ganze vergangenes Jahr durch eine Studie, die untersuchte, inwiefern eine intensive Beratung durch die Apotheke Auswirkungen auf die Therapietreue hat. Aber ist so eine Studie überhaupt auf die Realität übertragbar?

Vergangenes Jahr machte die PHARM-CHF-Studie mit ihren positiven Ergebnissen auf sich aufmerksam. Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz (im Durchschnitt 74 Jahre alt), die eine stabile medikamentöse Herzinsuffizienztherapie mit mindestens einem Diuretikum erhielten, wurden über eine Dauer von zwei Jahren entweder intensiv durch eine Apotheke betreut oder nicht gesondert beraten.1 Das Ergebnis: Intensiv betreute Patienten zeigten zu 86 % eine gute Adhärenz (kein Medikationsfehler an mind. 80 % der Tage), Patienten ohne Betreuung schafften dies nur zu 68 %. Ein durchaus positives Ergebnis, das den Stellenwert der Apotheke in der Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen zeigt. So sahen es auch Kardiologen und Hausärzte – sie befürworten solch eine intensive Betreuung, um Patienten besser zu unterstützen. Wie das in der Realität umsetzbar sein soll, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Kluger Ansatz, schwierige Umsetzung

Ein genauerer Blick auf das Studiendesign zeigt, wo sich Studie und Realität voneinander unterscheiden. So war der Widerwille oder das Unvermögen, die Studienapotheke aufzusuchen oder das Studienprotokoll einzuhalten, ein Ausschlusskriterium. An der Studie nahmen somit ausschließlich Patienten teil, die grundsätzlich zur Adhärenz neigten. Dies erklärt auch, warum die Differenz zwischen der Interventions- und der Placebogruppe lediglich 18 % beträgt. Die eigentlichen Problempatienten, die schlichtweg die Therapie verweigern oder keine Motivation zeigen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, wurden nämlich außer Acht gelassen. Einen weiteren Punkt stellt die Art der Betreuung dar. Patienten der Interventionsgruppe besuchten alle ein bis zwei Wochen eine ausgewählte Apotheke. Bei jedem Besuch wurden Blutdruck und Puls gemessen, eine ausführliche Beratung zur Medikation und eine Kontrolle von Anzeichen einer kardialen Dekompensation durchgeführt sowie die Medikamente bis zum nächsten Besuch in einer Dosierhilfe bereitgestellt. Eine so intensive Beratung ist sicherlich wünschenswert, in der Realität jedoch kaum umsetzbar. Zieht man in Betracht, dass von einer intensiven Beratung nicht nur Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz, sondern auch Diabetiker, Gicht-Patienten oder Hypercholesterinämie-Patienten profitieren würden, übersteigt die Zahl der zu betreuenden Patienten deutlich die Grenze des Machbaren.

Was bringt die Studie?

Trotz der Schwachstellen der Studie bleibt die Quintessenz eine positive: Apotheken können durch einen intensiveren Patientenkontakt zu einem erfolgreichen Therapieverlauf beitragen. Gefördert werden kann dies vor allem durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheke. Prof. Dr. Ulrich Laufs, Mitleiter der Studie, befürwortet dies: „Kardiologen und Hausärzte würden eine solche pharmazeutische Dienstleistung begrüßen, da sie hilft, die Therapie optimal umzusetzen.“2 Ebenfalls appellierte die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) bereits an die deutsche Gesundheitspolitik, entsprechende Leistungen der Apotheken adäquat zu vergüten. Allerdings sollte diese Beratung nicht einseitig durch die Apotheke erfolgen, sondern auch durch den behandelnden Arzt. Patienten – vor allem die Beratungsresistenten – lediglich an die Apotheke weiterzureichen und so die Verantwortung abzugeben, führt auf lange Sicht sicherlich nicht zu einer besseren Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheke.


1 Schulz M et al. Pharmacy‐based interdisciplinary intervention for patients with chronic heart failure: results of the PHARM‐CHF randomized controlled trial. Eur J Heart Fail. 2019; 21(8):1012–1021
2 Deutsche Gesellschaft für Kardiologie; Pressemitteilung 19.6.2019; Enge Zusammenarbeit zwischen Kardiologen und Apothekern verbessert Lebensqualität von Herzschwäche-Patienten