Beispiel Interferone

Seit 1957 entdeckt wurde, dass von Viren befallene Zellen körpereigenes Interferon (IFN) freisetzen, um andere Zellen vor der Ausbreitung der Infektion zu schützen, ist viel geschehen. Zwar haben sich die Hoffnungen auf ein universelles biologisches Krebsheilmittel leider nicht erfüllt, aber wir verfügen mittlerweise über ein in der modernen Therapie verschiedener Krankheiten nicht mehr verzichtbares Präparatespektrum.

Interferone werden vor allem bei Krebserkrankungen, Hepatitis B und C, Multipler Sklerose und Granulomatose eingesetzt.


Indikationen und Präparatebeispiele

Die Präparate werden nach ihrer Struktur in Alpha-, Beta- und Gamma-Interferone eingeteilt.


Alpha-Interferon

Alpha-Interferon wird von Leukozyten gebildet. Es aktiviert natürliche Killer-Zellen, welch der Virus- und Tumorabwehr dienen.

Einsatzgebiet:

Alpha-Interferon wird zur Therapie von chronischer Hepatitis B- und von akuter und chronischer Hepatitis C-Infektionen eingesetzt. Das gentechnisch hergestellte Interferon (Interferon alph-2a oder Interferon alpha-2b) muss dreimal die Woche subkutan injiziert werden. Mittlerweise sind sog. pegylierte Interferone erhältlich, die nur einmal die Woche verabreicht werden müssen.

Außerdem wird Alpha-Interferon in der Krebstherapie eingesetzt (Haarzellleukämie, T-Zell-Lymphome der Haut, Kaposie-Syndrom, CML).

Präparate: Roferon-A®, Intron A®; pegyliert: Pegasys®, PegIntron®


Beta-Interferon

Beta-Interferon wird aus menschlichen Fibroblasten-Zellkulturen gewonnen. Die Wirkung ist ähnlich der von Alpha-Interferon.

Einsatzgebiet:

Beta-Interferon wird vor allem zur Behandlung der Multiplen Sklerose aber auch bei schweren Viruserkrankungen eingesetzt.

Präparate: Betaferon®, Avonex®, Rebif®, Extavia®


Gamma-Interferon

Gamma-Interferon wird von T-Zellen gebildet. Es hat eine aktivierende Wirkung auf Makrophagen, die u.a. Bakterien phagozytierten.

Einsatzgebiet:

Gamma-Interferon wird zur Vorbeugung von Folgeerkrankungen bei schwer vorerkrankten Patienten eingesetzt. Außerdem kommt es bei Osteopetrose zum Einsatz.

Präparate: Imukin®

Austauschbarkeit von Interferonen

Aufgrund ihrer Herstellung zählen Interferone vorwiegend entweder zur Gruppe der Biosimilars oder zu den Bioidenticals.

Da Biosimilars nicht wirkstoffgleich sind, unterliegen sie nicht der Aut-idem-Regelung.

Bioidenticals sind hingegen wirkstoffgleich und müssen entsprechend der Regelungen des Rahmenvertrages ausgetauscht werden, sofern sie in der Anlage 1 des Rahmenvertrages gelistet sind:

Die Möglichkeit, im Einzelfall pharmazeutische Bedenken geltend zu machen, besteht auch bei den künftig auszutauschenden Interferonen.

Pharmazeutische Bedenken können z.B. bestehen, wenn Anwender unterschiedliche Applikationssysteme verwenden und sich daraus Probleme für den Patienten ergeben können. Auch bei sehr ängstlichen Patienten kann von einer Substitution abgesehen werden, um die Compliance nicht zu gefährden.

» Vorgehen bei "pharmazeutischen Bedenken"


Beispiel: Betaferon® / Extavia®

Betaferon® und Extavia® werden bereits derzeit als Bioidenticals angesehen und sind in die Anlage 1 aufgenommen. Die Austauschbarkeit wird dennoch kontrovers diskutiert.

Einsatzgebiet, Wirkstoff, Dosierung und der biotechnologische Herstellungsprozess zweier Interferon beta-1b-Präparate sind identisch. Das macht Betaferon® von Bayer Schering Pharma und Extavia® von Novartis zu sogenannten Bioidenticals.
»Aus pharmazeutischer Sicht gibt es keinen Grund, die beiden Bioidenticals nicht gegeneinander auszutauschen«, sagte Professor Dr. Theodor Dingermann vom Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Frankfurt bei einem Pressegespräch von Bayer vergangene Woche in Berlin. »Doch unter dem Aspekt der Pharmazeutischen Betreuung ist das mitunter inakzeptabel.« […] Demnach sollte keine Substitution bei »ängstlichen oder agitierten Patienten« stattfinden, bei denen diese womöglich zur Einnahmeverweigerung oder einer gravierenden Verschlechterung der Compliance führt. Weiterhin lehnt die Leitlinie einen Präparatewechsel ab, wenn dieser bei den Patienten Befürchtungen hinsichtlich der Verschlechterung des Krankheitsbildes auslöst – unabhängig davon, ob die Ängste rational begründet sind oder nicht.

aus Sauer, B. Interferone. Ein Wirkstoff – zwei Präparate. Pharmazeutische Zeitung 15/2009
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=29539

Da die Anbieter von Betaferon® und Extavia® unterschiedliche Applikationssysteme anbieten, können sich daraus Probleme für den Patienten ergeben.

» Lesen Sie mehr dazu im aktuellen Praxisbeispiel Betaferon®


Patientenkommentare aus Internetforen zu Umstellungsproblemen

„Bei einem Kaffeekränzchen bei der Impfschwester meines Vertrauens konnte ich erstmals das Extavia-Set (Spritzen, Kanülen, Injektor) begutachten. Anmutung und Haptik der Technik erscheinen mir wie bei Betaferon vor der Umstellung auf das aktuelle Injektionssystem. Allerdings kamen mir die Kanülen sehr dick vor.“

„also ich konnte es mir nicht aussuchen… habe letztens  nachgefragt ob ich das wieder wechseln könne… sie meinte nein da es ja dasselbe ist und sie sei in irgendwelchen prüfungen und deswegen könne sie das nicht selber aufschreiben… mag ja alles sein… war auf die antwort gar nicht gefasst, so dass ich auch den 3 monats koffer vergessen hatte zu erwähnen…..also ich habe so einen injektor dazu bekommen….halte von den dingern aber im allgemeinen nicht so viel….mache das lieber selber und kann bestimmen wir ich drücke….naja meine ärztin meinte die hätten auch einen spritzen dienst…würde bei mir aber nicht so viel bringen da ich mich immer sehr spät abends spritze und ich denke das die es auch nicht ohne stocken schaffen…ich hätte gerne wieder das beta zurück…ein hoch auf den fortschritt lol“

„..wie bescheuert muß man denn sein, um nicht zu verstehen, dass es immer wieder MSler gibt, bei denen die Motorik der Hände im Eimer ist. Kaputt, nicht mehr mit zielsicher greifen oder stechen. Da sind einige sicher froh, dass es das aktuelle System vom Betaferon gibt. Diese Sch…. Mit der Anstecherei beim Extavia würde zwangsläufig zu Verletzungen und Frust führen, da ist ja nicht mal der Adapter dabei….“

Hier zeigt sich, dass Patientenforen mitunter eine gute Quelle für noch bestehenden Informations- und Schulungsbedarf betroffener Patienten sein können, denn nicht jeder Patient wird seine Erfahrungen bei Arzt und Apotheker so frei äußern.

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